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Computergestützte Guidelines ohne Effekt

Verfasser: Klaus Eichler,

Frage:

Wie ist der Nutzen computergestützt implementierter Guidelines bei der Behandlung von Patienten mit Angina pectoris und Asthma in der Arztpraxis?

Einschlusskriterien:

  • Allgemeinpraxis mit mehreren Ärzten und häufigem Computereinsatz
  • alle Patienten dieser Praxen mit den Diagnosen Asthma bronchiale oder Angina pectoris
  • Patientenalter = 18 Jahre

Ausschlusskriterien:

  • Arztpraxen ohne bisherige relevante Computernutzung im Alltag
  • Einzelpraxen (wegen zu kleinem Patientenkollektiv)

Studiendesign:

Randomisierte, kontrollierte Studie (mit two by two block design); Auswertung nach Intention-to-treat-Prinzip.

Studienort:

60 Allgemeinpraxen in Nordost-England

Intervention:

  • In allen Praxen Installation eines computergestützten Entscheidungshilfe-Systems auf Basis der bereits bestehenden Software. (Funktionsweise des Systems: Rückgriff auf Informationen aus der elektronischen Patientenakte und auf aktuell eingegebene Daten zur Beschreibung des aktuellen Patienten-Szenarios; Abgleich mit Guidelines; Angebot von Therapieoptionen inkl. Medikation).
  • Für alle Praxen eintägiger Trainingsworkshop zum Kennenlernen des Systems.

Jede Praxis wurde dann einer der beiden Gruppen randomisiert zugeteilt:

  • Gruppe mit installiertem Angina pectoris Guideline:  Interventionsgruppe für Angina pectoris (gleichzeitig Kontrollgruppe für Asthma bronchiale).
  • Gruppe mit installiertem Asthma bronchiale Guideline: Interventionsgruppe für Asthma bronchiale (gleichzeitig Kontrollgruppe für Angina pectoris).

Datengewinnung und Follow-Up:

  • Datensammlung für die 12 Monate vor der Intervention
  • Intervention (Computerinstallation, Randomisierung)
  • Datensammlung für die 12 Monate nach der Intervention

Outcome:

  • Unterschiede im Behandlungsprozess
  • Unterschiede in der Medikamentenverschreibung
  • Unterschiede im Behandlungsergebnis

 Resultat:

Outcome
Behandlungsprozess
(z.B. Raucherstatus bekannt; Belastungs-EKG vorliegend; Asthmaschulung erfolgt)
Keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppen
(Gilt sowohl für Angina pectoris-Behandlung als auch für Asthma-Behandlung.)
Medikamentenverschreibung
(z.B. Betablockerrate bei Angina pectoris; Rate an inhalativen Steroiden bei Asthma)
Behandlungsergebnis
(Lebensqualität erhoben mit Patientenfragebogen: SF-36 kombiniert mit EQ-5D; Rücklauf 35%-46%)
  • Die Praxen der jeweiligen Interventions- und Kontrollgruppen waren hinsichtlich der relevanten Parameter (u.a. Gesamt-Patientenzahl, durchschnittliche Konsultationszeit, Vertrautheit mit Computer) gut vergleichbar.
  • Es werden keine Angaben gemacht über Charakteristika der eingeschlossenen Patenten

Kommentar:

  • Die Implementierung eines computergestützten Systems zur Nutzung von Guidelines in der Arztpraxis blieb ohne signifikante Einwirkung auf die Behandlungsprozesse und -ergebnisse bei Patienten mit Angina pectoris oder Asthma bronchiale.
  • Die Behandlungsprozesse und die Medikamentenverschreibung orientierten sich bereits vor der Intervention in einigen Bereichen eng an den Guidelines. In anderen Bereichen gab es aber deutliche Abweichungen und prinzipiell die Möglichkeit Verbesserungen wirksam werden zu lassen.
  • Das Computersystem wurde zwar (zur Dokumentation?) benutzt, zu bewussten Interaktionen für einen klinischen Entscheidungsprozess wurde es jedoch häufig nicht beigezogen.
  • Die Autoren folgern, dass das angebotene System wohl oft nicht den komplexen Fragestellungen von chronisch Kranken in der Praxis gerecht wird. Scheinbar lässt sich für den Therapeuten ein Zusatznutzen nicht oder nur mit unverhältnismässig hohem Aufwand generieren.

Literatur:

Eccles M. et al.: Effect of computerized evidence based guidelines on management of asthma and angina in adults in primary care: cluster randomized controlled trial. BMJ 2002; 325: 941.