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Akuter, unkomplizierter Harnwegsinfekt: Pivmecillinam deutlich heilsamer als Ibuprofen

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Ist Ibuprofen bei der Behandlung von Frauen mit einem unkomplizierten, akuten Harnwegsinfekt einer antibiotischen Therapie (Pivmecillinam) unterlegen?

Hintergrund:

Akute Harnwegsinfekte sind der zweithäufigste Grund für Antibiotikaverschreibungen in Allgemeinpraxen. Da ein Teil der akuten, unkomplizierten Harnwegsinfekte ohne antibiotische Therapie heilt, wird oder wurde, für die Behandlung die Einnahme von Analgetika als alleinige Massnahme diskutiert. Vor Jahren kamen die Autoren eines Cochrane Reviews zur Konklusion, dass Antibiotika in der Wirksamkeit einer alleinigen analgetischen Therapie überlegen sind. Das Ergebnis einer 2010 von Bleidorn et al. (BMC Med; 8: 30) durchgeführten Studie war: Ibuprofen ist einer antibiotischen Therapie nicht unterlegen. Danach wurden mehrere Studien initiiert um dieses Ergebnis zu bestätigen oder zu widerlegen.

In dieser Studie wird über die Ergebnisse der in den nordischen Ländern durchgeführten Studie berichtet, in der die Wirksamkeit von Pivmecillinam – einem Beta-Lactam-Antibiotikum – mit Ibuprofen verglichen wurde. Pivmecillinam ist in nordischen Ländern das Antibiotikum der ersten Wahl für die Behandlung akuter Harnwegsinfekte. Seit drei Jahren wird dieses Medikament auch in den deutschen Leitlinien als Antibiotikum der ersten Wahl empfohlen.

Einschlusskriterien:

  • 18- bis 60-jährige nicht schwangere Frauen mit Symptomen eines unkomplizierten Harnwegsinfektes (Dysurie, häufigeres Wasserlösen)

Ausschlusskriterien (wichtigste):

  • Dauer der Symptome länger als 7 Tage
  • Allergie gegen Penicillin oder Ibuprofen
  • Klinische Zeichen einer akuten Pyelonephritis

Studiendesign und Methode:

Randomisiert, doppelt verblindet; non-inferiority Studie (vereinfacht ausgedrückt wurde überprüft, ob Ibuprofen nicht weniger wirksam ist als das Antibiotikum).

Studienort:

Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark; Allgemeinpraxen und Notfall-Ambulatorien

Interventionen:

  • Gruppe 1: Pivmecillinam 3 x 200 mg für 3 Tage
  • Gruppe 2: Ibuprofen 3 x 600 mg für 3 Tage

Outcome:

Primärer Outcome

  • Anteil an Patienten, die 4 Tage nach der Randomisierung beschwerdefrei sind

Sekundäre Outcomes

  • Dauer der Symptome
  • Pyeolonephritis
  • Nebenwirkungen

Resultat:

  • 383 Frauen konnten randomisiert und 359 Frauen in der Analyse berücksichtigt werden.
  • Das mittlere Alter lag bei 28 Jahren, bei der Hälfte der Frauen war die Symptomdauer ein bis zwei Tage.
  • E. coli und Staph. saprophyticus waren die häufigsten Erreger; bei einem Drittel der Frauen kein Bakterienwachstum in den Kulturen.
  • In der Ibuprofen-Gruppe waren nach 4 Tagen 39% klinisch geheilt und in der Pivmecillinam-Gruppe 74%, also fast doppelt so viele.
  • Die mediane Dauer der Beschwerden in der mit dem Antibiotikum behandelten Gruppe lag bei 3 Tagen und in der anderen Gruppe bei 6 Tagen.
  • Sieben Frauen (4%) in der Ibuprofen-Gruppe entwickelten eine akute Pyelonephritis, 5 davon mussten hospitalisiert werden.

Kommentar:

Literatur:

Vik I et al. Ibuprofen versus pivmecillinam for uncomplicated urinary tract infection in women – A double-blind, randomized non-inferiority trial. PLoS Med 2018; 15: e1002569