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Antihypertensive Behandlung bei über 80 Jährigen verbessert Outcome

Verfasser: Umbehr, Martin,

Frage:

Wirkt sich eine antihypertensive Behandlung auch bei über 80 Jährigen noch positiv aus oder überwiegen die Nebenwirkungen den potentiellen Benefit?

Hintergrund:

Ob über 80 jährige Menschen tatsächlich einen Benefit von einer antihypertensiven Behandlung haben ist unklar; diese Fragestellung ist Gegenstand dieser Studie (HYVET: Hypertension in the Very Elderly Trial)

Einschlusskriterien:

  • Menschen im Alter von 80 Jahren oder mehr
  • Hypertonie (definiert als systolischer Blutdruck von 160mmHg oder mehr)

Ausschlusskriterien:

  • Überempfindlichkeit gegenüber Studienmedikation
  • Fortgeschrittene oder sekundäre Hypertonie
  • Hirnblutung innerhalb der letzten 6 Monate, Herzversagen, welches eine antihypertensive Behandlung notwendig machte, Kreatinin > 150µmol/l, Kalium < 3.5 oder > 5.5 mmol/l, Gicht, Demenz oder Pflegebedürftigkeit.

Studiendesign und Methode:

  • Randomisierte, doppel-blinde, placebo-kontrollierte Studie
  • International und multizentrisch (13 Länder, 195 Zentren)
  • Zu Beginn 2 monatige Placebo Run-in Phase nach Sistierung sämtlicher Antihypertensiva
  • Folgende zwei Gruppen wurden gebildet:
  • Behandlungsgruppe: Diuretikum (Indapamid, 1.5mg), falls notwenig als Zeitmedikament ein ACE-Hemmer (Perindopril, 2 oder 4mg). Zielblutdruck war 150/80mmHg.
  • Placebogruppe

Outcome:

Primärer Outcome:

  • Hirnschlag (fatal und nicht fatal)

Sekundärer Outcome:

  • Tod aufgrund irgendeiner Ursache, Tod aufgrund eines kardiovaskulären Ereignisses, Tod aufgrund von Herzversagen und Tod aufgrund eines Hirnschlages

Studienort:

Koordination London, England; weitere 12 Länder aus West- und Osteuropa, China, Australien und Nordafrika

Resultat:

  • 3845 Patienten wurden in die beiden Gruppen randomisiert, 1933 in die Behandlungs- und 1912 in die Placebogruppe. Das Durchschnittsalter betrug 83.6 Jahre, der durchschnittliche Blutdruck im Sitzen 173/90.8mmHg. 11.8% hatten in der Vorgeschichte ein kardio-vaskuläres Ereignis. Der durchschnittliche Follow-up betrug 1.8 Jahre.
  • Nach 2 Jahren Behandlung konnte der Blutdruck in der Behandlungsgruppe im Vergleich zu der Placebogruppe um 15.0mmHg systolisch und 6.1mmHg diastolisch gesenkt werden.
  • In der Intention-to-treat Auswertung konnte eine 30% Reduktion (51 Fälle vs 69 Fälle) der fatalen und nicht fatalen Hirnschläge zugunsten der Behandlungsgruppe gezeigt werden (95% CI -1 bis 51). Somit müssten 94 Patienten antihypertensiv behandelt werden, um einen Hirnschlag innerhalb von 2 Jahren zu vermeiden.
  • Zudem eine 39% Reduktion der Todesfälle aufgrund eines Hirnschlages (95% CI 1 bis 62), eine 21% Reduktion der Todesfälle aufgrund irgendeiner Ursache (95% CI 4 bis 35), eine 23% Reduktion der Todesfälle aufgrund eines kardiovaskulären Ereignisses (95% CI -1 bis 40) und eine 64% Reduktion bezüglich der Rate an Herzversagen (95% CI 42 bis 78), alles zugunsten der Behandlungsgruppe verglichen mit der Placebogruppe.
  • Zudem traten in der Behandlungsgruppe weniger unerwünschte Nebeneffekte auf als in der Placebogruppe (358 vs 448 Fälle).

Kommentar:

  • Die Autoren schlussfolgern, dass die Ergebnisse ihrer Studie die Evidenz erbracht haben, dass betagte Menschen von einer antihypertensiven Behandlung mit Diuretika (Indapamid), allenfalls kombiniert mit einem ACE-Hemmer (Perindopril), profitieren, wenn ein Zielblutdruckwert von 150/80mmHg erreicht werden kann. Der Benefit zeigt sich in einem reduziertem Risiko bezüglich Tod aufgrund eines Hirnschlages, Tod aufgrund irgendeiner Ursache und Herzversagen.
  • Limitierend sei aber, dass die Studienpopulation gesünder war eine Durchschnittspopulation zum Zeitpunkt des Studienbeginnes, was sich in der geringen Anzahl von Hirnschlägen und kardiovaskulären Ereignissen innerhalb dieser Population gezeigt hat. Zudem limitierend sei, dass die Zuordnung einer exakten Todesursache bei sehr alten Menschen oft schwierig ist, da nur selten Autopsien durchgeführt werden und diese Menschen oft einsam sterben. Die plötzlich eingetretenen Todesfälle wurden somit als kardiovaskulär gewertet.

Literatur:

Nigel S Beckett et al. Treatment of Hypertension in Patients 80 Years of Age or Older. N Engl J Med 2008;358:1887-98