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Aspirin® 100mg bei über 70-Jährigen ohne Indikation für Aspirin® ist eher schädlich als nützlich

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Einfluss von Aspirin® 100mg, verglichen zu Placebo, auf die Sterblichkeitsrate bei über 70-jährigen Gesunden

Hintergrund:

Aspirin®, in niedriger Dosierung, ist das häufigste verschriebene Medikament zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Bei der sekundären Prävention ist die Wirksamkeit von Aspirin® unbestritten, während die Wirksamkeit von Aspirin® als primär präventive Massnahme unklar ist.
In der ASPREE (Aspirin® in Reducing Events in the Elderly) Studie wurde der Effekt von täglich 100mg Aspirin® – im Vergleich zu Placebo – auf die Raten der Sterblichkeit, der Demenz und der persistierenden körperlichen Beeinträchtigung untersucht. Signifikante Unterschiede bezüglich des kombinierten Endpunkts konnten in der Studie nach einer mittleren Dauer der Studie von 4.7 Jahren nicht festgestellt werden.

In dieser Arbeit berichten die Autoren über die Sterblichkeitsrate und die unterschiedlichen Todesursachen.

Einschlusskriterien:

  • Selbständig lebende Personen, älter als 70 Jahre
  • Diese Personen durften keine klinisch manifeste koronare Herzkrankheit haben und keine zerebrovaskuläre Erkrankung, kein Vorhofflimmern, keine klinisch diagnostizierte Demenz, keine relevante körperliche Beeinträchtigung, keine Anämie, kein hohes Risiko für Blutungen

Ausschlusskriterien:

  • Kontraindikation für Aspirin®
  • Indikation für Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmer
  • Systolischer Blutdruck über 180 mmHg oder diastolischer Blutdruck über 105 mmHg
  • Einschätzung durch den Arzt, dass die Überlebenszeit wahrscheinlich kürzer als 5 Jahre sein wird

Studiendesign und Methode:

Randomisierte Studie, Vergleich der aktiven Substanz mit Placebo, verblindet

Studienort:

USA und Australien

Interventionen:

  • Gruppe 1: Aspirin® 100 mg/Tag
  • Gruppe 2: Placebo

Outcome:

·         Sterblichkeitsrate und Todesursachen

Resultat:

  • 2010 bis 2014 wurden über 19 Tausend Personen in die Studie eingeschlossen und in eine der beiden Gruppen randomisiert.
  • Das mittlere Alter lag bei 74 Jahren, etwas über die Hälfte der Studienteilnehmer waren Frauen (56%), fast 90% der Teilnehmer wurden in Australien rekrutiert, der Rest in den USA.
  • Etwa ein Drittel der Teilnehmer nahm zum Zeitpunkt der Randomisierung ein Statin, 14% nahmen regelmässig nicht-steroidale Analgetika ein.
  • Die geplante Studiendauer war 5 Jahre; nach eine Zwischenanalyse wurde die Studie gestoppt. Aufgrund der Ergebnisse war nicht davon auszugehen, dass Aspirin® einen positiven Effekt auf das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse haben wird.
  • Das Sterberisiko war 12.7 Todesfälle/1’000 Personenjahre in der Aspirin®-Gruppe und 11.1 Todesfälle/1’000 Personenjahre in der Placebo-Gruppe. Die sogenannte Hazard-Ratio ist 1.14 (95%-Konfidenzintervall 1.01 - 1.29), das heisst knapp statistisch signifikant.
  • Sterberisiko an Karzinom: 6.7 Todesfälle/1’000 Patientenjahre in der Aspirin®-Gruppe und 5.1 Todesfälle/1’000 Patientenjahre in der Plazebo-Gruppe. Die Hazard-Ratio ist 1.31 (95%-Konfidenzintervall 1.10 - 1.56), in der Aspirin®-Gruppe also ein Drittel höher als in der Placebo-Gruppe.

Kommentar:

  • Aspirin® (100 mg/d) erhöht das Sterblichkeitsrisiko und dies in erster Linie wegen einer erhöhten Sterblichkeit an einem Karzinom.
  • Diese Ergebnisse sind unerwartet und bisher gibt es auch keine plausible Erklärung für dieses Ergebnis.
  • In früheren Studien, in denen die Wirksamkeit von Aspirin® in der Primärprävention untersucht wurde, wurde keine erhöhte Sterblichkeitsrate beobachtet. Allerdings wurden in diesen Studien nur wenig über 70-jährige Menschen eingeschlossen.
  • Bei über 70-Jährigen ohne Indikation für Aspirin® scheint, so das Ergebnis dieser Studie, eher schädlich als nützlich zu sein.

Literatur:

McNeil JJ et al. Effect of Aspirin on All-Cause Mortality in the Healthy Elderly. N Engl J Med DOI: 10.1056/NEJMoa1803955.