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Aspirin® 100mg zur Primärprävention kardialer Ereignisse bei älteren Menschen schadet eher als dass es nützt

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Wirksamkeit und Sicherheit von Aspirin® 100mg, verglichen mit Placebo, in der Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse bei gesunden älteren Menschen

Hintergrund:

Aspirin®, in niedriger Dosierung, ist das häufigste verschriebene Medikament zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Bei der sekundären Prävention ist die Wirksamkeit von Aspirin® unbestritten, während die Wirksamkeit von Aspirin® als primär präventive Massnahme unklar ist. Zu erwarten wäre ein Effekt vor allem bei älteren Menschen – ältere Menschen haben ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse – aber in den bisher zu diesem Thema publizierten Studien waren ältere Personen untervertreten, die Studien wurden vorwiegend mit jüngeren Personen durchgeführt. Bekannt ist auch, dass mit zunehmendem Alter das Blutungsrisiko steigt. 
In dieser Studie wurde der präventive Effekt von Aspirin® 100 mg bei gesunden älteren Personen untersucht.

Einschlusskriterien:

  • Selbständig lebende Personen, älter als 70 Jahre
  • Diese Personen durften keine klinisch manifeste koronare Herzkrankheit haben, keine zerebrovaskuläre Erkrankung, kein Vorhofflimmern, keine klinisch diagnostizierte Demenz, keine relevante körperliche Beeinträchtigung, keine Anämie, kein hohes Risiko für Blutungen

Ausschlusskriterien:

  • Kontraindikation für Aspirin®
  • Indikation für Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmer
  • Systolischer Blutdruck über 180 mmHg oder diastolischer Blutdruck über 105 mmHg
  • Einschätzung durch den Arzt, dass die Überlebenszeit wahrscheinlich kürzer als 5 Jahre sein wird

Studiendesign und Methode:

Randomisierte Studie, Vergleich der aktiven Substanz mit Placebo, verblindet

Studienort:

USA und Australien

Interventionen:

  • Gruppe 1: Aspirin® 100mg/Tag
  • Gruppe 2: Placebo

Outcome:

In dieser Studie wird über Häufigkeiten kardiovaskulärer Ereignisse berichtet (über Demenz und Todesursachen wird in einer anderen Studie berichtet)

  • Kardiovaskuläre Ereignisse; fataler Myokardinfarkt, nicht-fataler Myokardinfarkt, fataler und nicht fataler Schlaganfall, Hospitalisation wegen Herzinsuffizienz.
  • Schwere Blutung; definiert als symptomatische intrakranielle Blutung, klinisch signifikante extrakranielle Blutung (machte eine Transfusion nötig, verlängerte die Hospitalisationszeit, machte einen chirurgischen Eingriff nötig oder führte zum Tod)

Resultat:

  • 2010 bis 2014 wurden über 19’000 Personen in die Studie eingeschlossen und in eine der beiden Gruppen randomisiert.
  • Das mittlere Alter lag bei 74 Jahren, etwas über die Hälfte der Studienteilnehmer waren Frauen (56%), fast 90% der Teilnehmer wurden in Australien rekrutiert, der Rest in USA.
  • Etwa ein Drittel der Teilnehmer nahm zum Zeitpunkt der Randomisierung ein Statin, 14% nahm regelmässig nicht-steroidale Analgetika ein.
  • Die geplante Studiendauer war 5 Jahre (d.h. Teilnehmer nehmen das Präparat 5 Jahre lang ein); nach eine Zwischenanalyse wurde die Studie gestoppt. Aufgrund der Ergebnisse war nicht davon auszugehen, dass Aspirin® einen positiven Effekt auf das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse haben wird.
  • Die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse war zwischen den beiden Gruppen nicht unterschiedlich; 10.7 Ereignisse/1’000 Patientenjahre in der Aspirin®-Gruppe versus 11.3 Ereignisse/1’000 Patientenjahre in der Placebo-Gruppe.
  • Schwere Blutungen: 8.6 Ereignisse/1’000 Patientenjahre in der Aspirin®-Gruppe versus 6.2 Ereignisse/1’000 Patientenjahre in der Placebo-Gruppe.
  • Wenn man die beiden (unerwünschten) Endpunkte – kardiovaskuläre Ereignisse und schwere Blutungen – kombiniert, dann sehen die Ergebnisse so aus: 19.3 unerwünschte Ereignisse/1’000 Patientenjahre in der Aspirin®-Gruppe versus 17.5 unerwünschte Ereignisse/1’000 Patientenjahre in der Placebo-Gruppe.
  • Die Sterblichkeitsrate war in der Aspirin®-Gruppe höher als in der Placebo-Gruppe.

Kommentar:

  • Aspirin® (100 mg/d) als Massnahme der kardiovaskulären Primärprävention erhöht das Blutungsrisiko, verringert aber das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse nicht in relevantem Mass.

Literatur:

McNeil JJ et al. Effect of Aspirin on Cardiovascular Events and Bleeding in the Healthy Elderly. N Engl J Med DOI: 10.1056/NEJMoa1805819.