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Magnesium bei nächtlichen Wadenkrämpfen sehr wahrscheinlich unwirksam

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Wirksamkeit und Sicherheit von Magnesiumoxid bei Patienten mit nächtlichen Wadenkrämpfen?

Hintergrund:

Für die Behandlung nächtlicher Wadenkrämpfe stehen wenig Medikamente mit einem tatsächlichen Nutzen zur Verfügung. Chinin ist die bisher einzige Substanz mit nachgewiesener Wirkung. Allerdings rät die FDA von der Einnahme dieses Medikaments wegen gravierender Nebenwirkungen ab. Ein häufig verschriebenes Medikament ist Magnesium (Magnesiumcitrat oder Magnesuimoxid), dessen Wirksamkeit aber sehr fraglich ist. Für Magnesiumoxid gibt es noch keine Studie. Magnesiumoxid wird in weit höherem Masse in die Zellen aufgenommen als Magnesiumcitrat und entscheidend für die Verhinderung von Krämpfen ist – so nimmt man an – der intrazelluläre Magnesiumgehalt.
In dieser Studie wird die Wirksamkeit von oralem Magnesiumoxid bei Menschen mit nächtlichen Wadenkrämpfen untersucht.

Einschlusskriterien:

  • Älter als 21 Jahre mit mindestens 4 Episoden von (meist) nächtlichen Wadenkrämpfen in einer zweiwöchigen Screening-Phase; ohne Behandlung.
  • Patienten, die eine Magnesiumtherapie hatten mussten diese mindestens 10 Tage vor der Screeningphase absetzen.

Ausschlusskriterien:

  • Schwangerschaft
  • Aktuelle Behandlung mit Magnesium oder Chinin
  • Eingeschränkte Nierenfunktion (Kreatinin über 180 mmol/L)
  • Schwere neurologische Erkrankungen

Studiendesign und Methode:

Randomisiert, Placebo-kontrolliert, doppelt verblindet

Studienort:

Israel

Interventionen:

  • Gruppe 1: Magnesiumoxid (520 mg freies Magnesium; z.B. AndreamagÒ), oral vor dem Schlafen eingenommen, für 4 Wochen
  • Gruppe 2: Placebo

Outcome:

Primärer Outcome

  • Unterschied in der Häufigkeit von nächtlichen Wadenkrämpfen zwischen den beiden Gruppen (mit einem speziellen Fragebogen).

Sekundäre Outcomes

  • Veränderungen im Schweregrad und der Dauer der Wadenkrämpfe (Fragebogen, jeden Morgen ausgefüllt)
  • Lebensqualität (SF-36) und Schlafqualität (Pittsburgh Schlaf Qualitäts-Index)

Resultat:

  • 166 Patienten wurden auf ihre Eignung zur Teilnahme an der Studie untersucht, 94 wurden randomisiert. Der Rest hatte in der zweiwöchigen Screeningphase weniger als 4 Wadenkrämpfe oder andere Gründe nicht eingeschlossen zu werden. 43 Patienten in jeder Gruppe nahmen die Medikamente regelmässig ein, 4 in jeder Gruppe nicht.
  • Das mittlere Alter betrug 64 Jahre, ein gutes Drittel waren Männer, fast ein Drittel der Patienten hatte einen Diabetes.
  • In der Screeningphase (keine Therapie) reduzierte sich die Anzahl an nächtlichen Wadenkrämpfen um 50%.
  • In der Phase mit aktiver Behandlung oder Placebo war zwischen den beiden Gruppen kein signifikanter Unterschied (0.38 Krämpfe pro Woche in der Magnesiumgruppe weniger als in der Placebogruppe) feststellbar.
  • Auch bei den sekundären Outcomes war kein signifikanter Unterschied nachweisbar.
  • Ein minimaler klinischer Unterschied ist definiert als Abnahme der Anzahl an Krämpfen von mindestens 25%. Dieser minimal klinisch relevante Unterschied war in 75% der Patienten der Magnesiumgruppe und 63% in der Placebogruppe nachweisbar. Der Unterschied ist statistisch nicht signifikant.
  • Nebenwirkungen; insgesamt mussten 6 Patienten hospitalisiert werden, allerdings war keine Hospitalisation auf Magnesium zurückzuführen. Andere Nebenwirkungen, in erster Linie gastrointestinale Beschwerden, waren in beiden Gruppen gleich häufig.

Kommentar:

  • Nach den Ergebnissen dieser Studie ist Magnesiumoxid in der Prävention nächtlicher Wadenkrämpfe nicht wirksam.
  • Bemerkenswert ist die Halbierung der Anzahl nächtlicher Krämpfe in der zweiwöchigen Screeningphase. Überschätzen die Menschen die Anzahl nächtlicher Wadenkrämpfe oder führt allein schon die Erwartungshaltung zu einer Reduktion der Krämpfe.

Literatur:

Maor NR et al. Effect of Magnesium Oxide Supplementation on Nocturnal Leg Cramps. A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2017 doi:10.101/jamainternmed. 2016.9261