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Die Adipositas erhöht das Risiko für Komplikationen bei Lendenwirbelsäulenoperationen

Verfasser: Andrea Stieger,

Frage:

Beeinflusst ein höherer BMI das Risiko für Komplikationen bei Operationen der Lendenwirbelsäule? Spielt die Invasivität der Operation beim Auftreten von Komplikationen eine Rolle?

Hintergrund:

Adipöse Patienten entwickeln häufiger degenerative lumbale Wirbelsäulenveränderungen und werden sich daher auch häufiger einer elektiven Lendenwirbelsäulen-Operation unterziehen müssen. Es gibt Hinweise auf ein erhöhtes peri- oder postoperatives Risiko bei adipösen Patienten für Komplikationen, wie beispielsweise ein erhöhter Blutverlust oder Wundinfektionen. Ob das Komplikationsrisiko mit zunehmendem Adipositas-Grad zunimmt und ob die Invasivität der Operation eine Rolle spielt ist unklar.

Einschlusskriterien:

  • Patienten über 18 Jahre alt, bei denen zwischen 2011 und 2013 eine Arthrodese, Diskektomie, Laminektomie, Korpektomie oder Osteotomie der Lendenwirbelsäule durchgeführt wurde

Ausschlusskriterien:

  • Patienten mit Aszites, präoperativ bestehender akuter Niereninsuffizienz, disseminiertem Krebs, einer offenen Wunde oder einer Wundinfektion

Studiendesign und Methode:

Für die Studie wurden Daten aus dem National Surgery Quality Improvement Program (NSQIP) verwendet, ein Register, das 1991 vom US Department of Veterans Affairs eingeführt wurde.

Die Patienten wurden in BMI Klassen eingeteilt: Untergewicht (2), Normal- und Übergewicht (20.0-29.9), Adipositas Klasse 1 (30.0-34.9), Klasse 2 (35.0-39.9) und Klasse 3 (>40). Die Analysen wurden korrigiert für die Unterschiede beim Vorliegen von Diabetes mellitus, Hypertonie, Rauchen, Invasivität der Eingriffe und Komorbiditäten (Charlson Comorbidity Index).

Die chirurgische Invasivität wurde anhand der Anzahl operierter Wirbelkörpersegmente, dem operativen Zugang (anterior, posterior) und der Art der Operation (z.B. Dekompression, Fusion) beurteilt. Patienten, bei denen die Invasivität oberhalb der 75. Perzentile lag wurden in eine hoch-invasive, Patienten unterhalb der 25. Perzentile in eine tief-invasive Gruppe eingeteilt.

Studienort:

Rund 700 Spitäler weltweit

Outcome:

Primärer Outcome

  • Komplikationen bis 30 Tage postoperativ

Sekundäre Outcomes

  • Komplikation aufgeschlüsselt nach Organsystemen, Hospitalisationsdauer (LOS), Mortalität, Rehospitalisationen

Resultat:

  • Es wurden Daten von 31'763 Patienten analysiert (51% Männer, 49% Frauen); 305 Patienten (1%) waren untergewichtig, 17'206 Patienten (54%) normal-/übergewichtig, 8'055 (25%) hatten eine Adipositas Klasse 1, 3'888 (12%) eine Klasse 2 und 2'309 Patienten (7%) eine Klasse 3. Bei Adipositas Klasse 1-3 lag häufiger ein Diabetes oder eine Hypertonie vor und der Nikotinkonsum war geringer.
  • Im Verlgeich zu nicht-adipösen Patienten wurden bei adipösen Patienten mehr Segmente der Lendenwirbelsäule operiert, invasivere Prozeduren durchgeführt und die Operationen dauerten länger.
  • Verglichen mit Normalgewichtigen traten bei Adipositas Klasse 2 und 3 mehr Komplikationen auf (Klasse 2 Odds Ratio (OR) 1.2 [95% Konfidenzintervall 1.0-1.5]; Klasse 3 OR 1.7 [1.4-2.1]).
  • Ein höheres Risiko wurde für Infektionen (Adipositas Klasse 2 OR 1.3, Klasse 3 OR 1.7), operative Komplikationen (Klasse 2 OR 1.6, Klasse 3 OR 2.8), Niereninsuffizienz (Klasse 1 OR 3.1, Klasse 2 OR 2.9, Klasse 3 OR 3,9), Nierenversagen (Klasse 2 OR 5.5, Klasse 3 OR 9.9) und chirurgische Wundinfektionen (Klasse 1 OR 1.4, Klasse 2 OR 1.8, Klasse 3 OR 3.5) beobachtet.
  • Die Komplikationsrate war bei adipösen Personen höher, unabhängig von der Invasivität. Bei Adipositas Klasse 3 war das Risiko für eine Komplikation bei tief- und hoch-invasiven Eingriffen erhöht (OR 2.0 und 1.5). Bei Adipositas Klasse 1 und 2 das Risiko bei tief-invasiven Eingriffen erhöht (Klasse 1 OR 1.4, Klasse 2 OR 1.3), aber bei hoch-invasiven nicht.
  • Während bei Adipositas Klasse 3 bei tief-invasiven Eingriffen ein erhöhtes Risiko in fast allen Organsystemen bestand (kardiopulmonale Komplikationen, Infektionen, Wund-Dehiszenzen, chirurgische Komplikationen, Niereninsuffizienz und Nierenversagen, tiefe Venenthrombose, Wundinfektionen), war das Risiko bei hoch-invasiven Eigriffen nur für Infektionen, chirurgischen Komplikationen, Nierenversagen und oberflächlichen Wundinfektionen erhöht.
  • Patienten mit Adipositas Klasse 2 und 3 waren länger im Spital als Normalgewichtige (LOS 3.1 Tage und 3.4 Tage länger). Die LOS war bei tief-invasiven Eingriffen 2.5 Tage und bei hoch-invasiven Eingriffen 4.7 Tage. Patienten in verschiedenen Adipositas Klassen hatten vergleichbare LOS, Mortalität und Rehospitalisationsraten bei hoch- und tief-invasiven Eingriffen.

Kommentar:

  • In einer Analyse von über 31'000 Patienten zeigt sich vor allem eine Zunahme des Komplikationsrisikos ab einem BMI von 35kg/m2.
  • Bei einem BMI von >40 (Adipositas WHO Klasse 3) war das Risiko für die meisten Komplikationen vor allem auch bei niedrig-invasiven Eingriffen erhöht. Entgegen der Intuition war das Risiko von hoch-invasiven Eingriffen zwar auch erhöht, aber weniger eindeutig. Möglicherweise ist dies auf eine zu kleine Patientenzahl zurück zu führen.
  • Es handelt sich bei der Studie um eine Analyse von Registerdaten, welche eine hohe Generalisierbarkeit erlauben können. Ob eine präoperative Gewichtsreduktion das Auftreten von Komplikationen reduzieren könnte, muss prospektiv untersucht werden.

Literatur:

Bono O et al. Body mass index predicts risk of complications in lumbar spine surgery based on surgical invasiveness. The Spine Journal 2018: 18; 1204-1210