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Effekte einer standardisierten stationären Krisenintervention für Personen mit selbstverletzendem Verhalten und erhöhtem Suizidrisiko

Verfasser: Rebecca Köhler, René Bridler,

Frage:

Profitieren Personen mit wiederholten Selbstverletzungen und erhöhtem Suizidrisiko von einer standardisierten stationären Krisenintervention in einer psychiatrischen Klinik, in die sie sich selbst zuweisen können?

Hintergrund:

Personen mit suizidalen und selbstverletzenden Verhaltensweisen zeichnen sich durch häufige Spitalaufenthalte, Zwangseinweisungen und Besuche auf Notfallstationen aus. Schweden kennt ein Gate Keeping-System, in dem Spitalzuweisungen durch Medizinalpersonen bzw. Polikliniken erfolgen. Das Modell einer standardisierten Krisenintervention wurde zuvor bereits in kleinen und zwei grösseren Studien untersucht, deren Resultate allerdings uneinheitlich waren.

Einschlusskriterien:

  • Aktuelle Episode mit selbstverletzendem Verhalten und / oder wiederholtes suizidales Verhalten
  • ≥ 3 diagnostische Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM IV
  • ≥ 7 Tage stationär in der Psychiatrie oder ≥ 3x auf einer Notfallstation (letzte 6 Monate für beide Kriterien)
  • Alter 18-60

Ausschlusskriterien:

  • Keine regulären Kontakte mit einem psychiatrischen Ambulatorium
  • Instabile Wohnsituation
  • Somatische Erkrankung mit wesentlichem Einfluss auf die Einschlusskriterien

Studiendesign:

  • Einfach verblindete randomisierte Studie
  • Messzeitpunkte: T1 (Start, Baseline-Erhebung retrospektiv letzte 6 Monate), T2 (6 Monate), T3 (12 Monate)

Studienort:

Vier psychiatrische Kliniken in Südschweden

Intervention:

  • Interventionsgruppe: Möglichkeit zur Selbstzuweisung mit standardisierter stationärer Krisenintervention plus übliche Behandlung
  • Kontrollgruppe: übliche Behandlung
  • Kernkomponenten der standardisierten Krisenintervention: maximal 3 Nächte pro Aufenthalt und 3 Aufnahmen pro Monat; Verhaltenskontrakt (während des Aufenthalts keine Selbstverletzung, keine Aggressivität, Einnahme der Medikamente in Selbstverantwortung, keine Änderung der Medikation); regelmässige Gespräche mit einer Pflegeperson; Beteiligung an den Stationsaktivitäten; wertschätzende, optimistische, akzeptierende Grundhaltung des Stationspersonals; sofortige Entlassung bei Verletzung des Kontrakts

Outcome:

Primärer Outcome:

  • Anzahl Tage stationär, unabhängig von der Art der Eintrittsart

Sekundäre Outcomes:

  • Häufigkeit Zwangsmassnahmen stationär (Fixierung, Isolation, Zwangsmedikation); subjektiv erlebte Alltagsbehinderung; selbstschädigendes Verhalten

Resultate:

  • 129 Personen gaben ihr Einverständnis und wurden gescreent.
  • 125 Personen konnten im Verhältnis 1:1 randomisiert werden, 84.8 % waren Frauen.
  • Nach 12 Monaten befanden sich noch 108 (86.4 %) Personen in der Studie.
  • Total 17 Dropouts verteilten sich symmetrisch auf beide Gruppen, drei waren die Folge eines Suizids.
  • Nach 6 und 12 Monaten zeigten sich zwischen den beiden Gruppen weder bezüglich der primären noch der sekundären Outcome-Kriterien signifikante Unterschiede.
  • Innerhalb beider Gruppen reduzierte sich die Zahl aller Hospitalisationstage signifikant (Interventionsgruppe 59.95 [T1] vs. 24.04 [T3], p < 0.001; Kontrollgruppe 51.55 [T1] vs. 29.44 [T3], p < 0.001).
  • Im Gegensatz zur Kontrollgruppe kam es innerhalb der Interventionsgruppe zu einer signifikanten Reduktion der unfreiwilligen Hospitalisationstage (15.43 [T1] vs. 7.34 [T3]; p = 0.02).
  • Allerdings lag zum Zeitpunkt der Randomisierung (T1) die Zahl der unfreiwilligen Hospitalisationstage in den vorangegangenen 6 Monaten in der Interventionsgruppe signifikant höher (15.43 vs. 9.66; p = 0.03).

Kommentar:

  • Die Möglichkeit der Selbsteinweisung zur standardisierten Krisenintervention zeigte im Vergleich mit der Standardbehandlung keine Vorteile.
  • Umgekehrt führte die Möglichkeit der Selbsteinweisung auch nicht zu einer Mengenausweitung, die Anzahl aller Hospitalisationstage reduzierte sich in beiden Gruppen signifikant.
  • Es ist jedoch denkbar, dass Personen mit häufigen und / oder länger dauernden unfreiwilligen Klinikaufenthalten von der Möglichkeit der Selbsteinweisung profitieren, da sich bei ihnen die Zahl der unfreiwilligen Hospitalisationstage stark reduzierte.
  • Die Situation in der Schweiz unterscheidet sich von derjenigen in Schweden, indem psychisch erkrankte Menschen auch ohne formale Zuweisung in eine psychiatrische Klinik eintreten können. Allerdings gibt es in unserem Land keine etablierte Praxis mit einer derart hoch strukturierten Kurzintervention.
  • Angesichts der klinisch bedeutsamen Reduktion unfreiwilliger Klinikeinweisungen zugunsten von freiwilligen Eintritten legt die Studie nahe, die Option der freiwilligen Selbstzuweisung beizubehalten.

Literatur:

Westling S et alii. Effect of brief admission to hospital by self-referral for individuals who self-harm and are at risk of suicide. A randomized clinical trial. JAMA Network Open, 2019;2(6):e195463. doi:10.1001/jamanetworkopen.2019.5463.