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FRAX-Ergebnis-basierte Behandlung hat keinen grossen Effekt auf die Häufigkeit osteoporotischer Frakturen

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Reduktion osteoporotischer Frakturen bei 70 bis 85-jährigen Frauen durch eine risikoangepasste Behandlung?

Hintergrund:

Für den einzelnen Menschen, als auch für die Gesellschaft, ist die Osteoporose und deren Konsequenzen – Frakturen im höheren Alter – ein Problem. Frakturen beeinträchtigen die Selbständigkeit älterer Menschen und die Behandlung und Pflege ist teuer. Eine Abnahme der Knochendichte ist einer der ursächlichen Faktoren für Frakturen, aber die Korrelation von Knochendichte und Frakturen ist nicht besonders hoch. Für eine präzisere Abschätzung des Frakturrisikos wurde der FRAX (Fracture Risk Assessment Tool) entwickelt. Für die Schätzung des Risikos von osteoporotischen Frakturen werden anamnestische Angaben (Alter, BMI, Alkohol, Steroideinnahme, frühere Frakturen, u.a.) herangezogen. Bisher gibt es noch keine Studien (der FRAX wird aber in einigen Guidelines empfohlen), die den Effekt des Einsatzes von FRAX in der Planung der Therapie/Prävention und der Reduktion von Frakturen untersucht haben.

In dieser Studie wird der Effekt einer risikobasierten Behandlung auf das Risiko osteoporotischer Frakturen bei 70 bis 85-jährigen Frauen untersucht.

Einschlusskriterien:

  • 70 bis 85-jährige Frauen, die zum Zeitpunkt der Rekrutierung keine anti-osteoporotischen Medikamente einnahmen (Vitamin D war erlaubt, auch wenn die Frauen früher anti-osteoporotische Medikamente einnahmen, konnten sie eingeschlossen werden)

Ausschlusskriterien:

  • Schwere Krankheiten

Studiendesign und Methode:

Randomisierte, nicht verblindete Studie; stratifiziert nach Region und Alter

Studienort:

100 Grundversorgerpraxen in England

Interventionen:

  • Screeninggruppe: mit dem FRAX-Instrument wurde das 10-Jahresrisiko für eine Hüftfraktur oder andere relevante Frakturen berechnet. Aufgrund dieses Resultates, wenn das Risiko eine vordefinierte und altersabhängige Schwelle überschritt, wurde bei den Teilnehmern die Knochendichte (DXA) bestimmt. Bei Teilnehmern mit einem niedrigen Risiko wurde keine Knochendichtemessung durchgeführt. Diese Teilnehmer erhielten eine Nachricht, dass sie ein tiefes Frakturrisiko haben und weiter nichts machen müssen. Bei Teilnehmern mit einem höheren Risiko, laut FRAX, wurde eine Knochendichtemessung (DXA) durchgeführt und das 10-Jahressiriko neu berechnet. Teilnehmern mit einem Frakturrisiko, die über einer altersabhängigen Interventionsschwelle für präventive Massnahmen lag, wurde empfohlen mit dem »Hausarzt« Kontakt aufzunehmen.
  • Kontrollgruppe; bei den in diese Gruppe randomisierten Teilnehmern wurde nur das Frakturrisiko mit FRAX (ohne Knochendichtemessung) berechnet.

Outcome:

Primärer Outcome

  • Anteil Teilnehmer mit mindestens einer osteoporotischen Fraktur während einer fünfjährigen Beobachtungszeit. Follow-up Daten wurden nach einem halben Jahr und dann jährlich gesammelt.

Sekundäre Outcomes

  • Anteil Teilnehmer mit mindestens einer Hüftfraktur während einer fünfjährigen Nachbeobachtungsdauer.

Resultat:

  • 12’495 Frauen wurden randomisiert (in den hundert Praxen waren etwas mehr als 50'000 Frauen im Alter zwischen 70 und 85 Jahren registriert). 6’233 Frauen wurden in die Screeninggruppe randomisiert.
  • Aufgrund der Ergebnisse des FRAX und dem Ergebnis der Knochendichtebestimmung wurde 14% der Frauen eine Therapie empfohlen.
  • Zwischen den beiden Gruppen war nach 5 Jahren kein Unterschied bezüglich des primären Outcomes – osteoporotische Frakturen – feststellbar. Auch in der Häufigkeit aller klinisch relevanten Frakturen war kein Unterschied nachweisbar.
  • Die Häufigkeit von Hüftfrakturen war im Verlauf der fünf Jahre in der Screeninggruppe statistisch signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe; 3.5% in der Kontrollgruppe und 2.6% in der Screeninggruppe.
  • Bei den anderen Outcomes, wie Mortalität und Lebensqualität, war kein Unterschied nachweisbar.

Kommentar:

  • In einer Gruppe von Frauen mit einem hohen Frakturrisiko (FRAX) kann mit einem gezielten Screening und einer gezielten Therapie das Risiko von Hüftfrakturen reduziert werden.
  • Allerdings muss man sich die Grössenordnungen vor Augen halten: 6’000 Frauen werden gescreent, bei der Hälfte davon wird ein DEXA angefertigt, tausend Frauen erhalten eine Therapie und bei 12 Frauen wird pro Jahr eine Hüftfraktur verhindert.

Literatur:

Shepstone L et al. Screening in the community to reduce fractures in older women (SCOOP): a randomised controlled trial. Lancet 2017 doi: 10.1016/S0140-6736 (17) 32640-5.