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Fussballweltmeisterschaften erhöhen die Inzidenz für kardiovaskuläre Ereignisse

Verfasser: Umbehr Martin,

Frage:

Vermag der emotionale Stress, welcher durch die Verfolgung eines Fussballspiels am Fernsehen ausgelöst wird, die Inzidenz von kardiovaskulären Ereignissen zu erhöhen?

Hintergrund:

Der Zusammenhang zwischen dem Ansehen eines Fussballspieles und der Inzidenzrate kardiovaskulärer Ereignisse wird kontrovers diskutiert und ist Gegenstand dieser Studie.

Einschlusskriterien:

  • Patienten, welche in Bayern ortsansässig waren und sich während der Fussballweltmeisterschaft in Deutschland im Jahre 2006 mit folgenden prä-klinischen Diagnosen notfallmässig vorstellen:
  • Prolongierter akuter Thoraxschmerz aufgrund eines Myokardinfarktes mit und ohne ST-Strecken-Hebung und instabiler Angina
  • Symptomatische kardiale Arrhythmie
  • Herzstillstand mit Reanimation
  • Auslösung eines Impulses eines implantierten Kardioverter-Defibrillators (ICD)

Studiendesign und Methode:

  • Prospektive Beobachtungsstudie während der Fussballweltmeisterschaft in Deutschland im Jahre 2006
  • Beobachtungszeitraum: 09. Juni bis 09 Juli
  • Kontrollzeiträume: 1. Mai bis 31. Juli 2003 und 2005 (2004 wurde aufgrund der Europameisterschaft weggelassen) und die Zeit vor den Spielen vom 1. Mai bis 08. Juni und nach den Spielen vom 10. Juli bis 31. Juli 2006.

Studienort:

Bayern, Deutschland

Resultat:

  • Insgesamt wurden 4279 Patienten mit einem akuten kardiovaskulären Ereignis während der Beobachtungszeit in die Studie eingeschlossen.
  • Während 6 der 7 Spiele, an welchen die Deutsche Nationalmannschaft beteiligt war, zeigte sich eine deutlich erhöhte Inzidenz in Bezug auf karidovaskuläre Events, die einzige Ausnahme war das letzte der sieben Spiele, wo Deutschland gegen Portugal um den 3. Platz spielte. Die höchsten Inzidenzraten liessen sich während dem Viertel- und Halbfinalspiel gegen Argentinien bzw. Italien feststellen. Bei Spielen, bei welchen die Deutsche Nationalelf nicht mitwirkte, war die Inzidenz vergleichbar mit den Kontrollen.
  • Nach Adjustierung für Co-Variablen war die Inzidenz für ein aktues kardiovaskuläres Ereignis während Spielen mit Beteiligung der Deutschen Nationalmannschaft insgesamt um den Faktor 2.66 (95% CI 2.33-3.04) erhöht gegenüber den Kontrollen.
  • Bei Männern war die Inzidenzrate sogar um den Faktor 3.26 (95% CI 2.78-3.84) erhöht, bei Frauen um den Faktor 1.82 (95%CI 1.44-2.31).
  • Besonders deutlich erhöht war die Inzidenzrate bei Patienten mit bekannter koronarer Herzkrankheit, nämlich um den Faktor 4.03 (95% CI 3.28-4.95).

Kommentar:

  • Die Autoren schlussfolgern, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem emotionalen Stress, welcher durch das Ansehen eines Fussballspiels ausgelöst wird, und der Inzidenz von akuten kardiovaskulären Ereignissen gibt.
  • Die Zeitspanne der erhöhten Inzidenz begann einige Stunden vor dem entsprechenden Spiel, hatte ihren Höhepunkt während dem Spiel und dauerte schliesslich noch einige Stunden über das beendete Spiel hinaus an.
  • Die Autoren empfehlen, dass bei Risikopatienten (d.h. Patienten mit bekannter koronarer Herzerkrankung) präventive Massnahmen ergriffen werden sollten vor einem Sportevent, welches emotional stark aufwühlen sein kann, beispielsweise mittels Einnahme bzw. Dosis-Erhöhung von Betablockern oder Thrombozyten-aggregationshemmern oder auch Verhaltensmassnahmen wie Stress-Coping.

Literatur:

Ute Wilbert-Lampen et al. Cardiovascular Events during World Cup Soccer. N Engl J Med 2008; 358:475-83