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Kurzfristige Auswirkungen der Rauchfrei-Gesetzgebung auf Spitaleinweisungen wegen Myokardinfarkten

Verfasser: Spaar Anne,

Frage:

Hat die Einführung der Rauchfrei-Gesetzgebung in England am 1.7.2007 kurzfristig einen Einfluss auf Spitaleinweisungen auf Grund von Myokardinfarkten?

Hintergrund:

Passivrauchen ist ein nachgewiesener Risikofaktor für koronare Herzkrankheiten (KHK), Schätzungen gehen von einer Risikoerhöhung bis zu 60% aus. Folgerichtig kann davon ausgegangen werden, dass die Einführung von Rauchfrei-Gesetzgebungen eine direkte Auswirkung auf die Inzidenz von akuten koronaren Ereignissen, einschliesslich notfallmässigen Hospitalisationen wegen Myokardinfarkten, haben könnte. Es konnten bereits Studien aus verschiedenen Ländern mit diesbezüglichen Gesetzgebungen positive Resultate hierzu zeigen, wobei je nach Studiengrösse, Korrektur für mögliche Störfaktoren und Methodik die Ergebnisse unterschiedlich ausfielen. In England sind seit dem 1.7.2007 bis auf wenige Ausnahmen alle geschlossenen Arbeitsplätze und öffentlichen Gebäude rauchfrei. Unter Berücksichtigung der oben genannten Faktoren soll in dieser grossen Population die Assoziation zwischen rauchfreien Räumlichkeiten und Spitaleinweisungen wegen Myokardinfarkten untersucht werden.

Einschlusskriterien:

  • Daten betreffend notfallmässigen Spitaleinweisungen bei Personen, die mindestens 18 Jahre alt waren und in England lebten (Spitaleinweisungen zwischen Juli 2002 und September 2008)
  • Primäre Diagnose Myokardinfarkt (ICD-10 Code I21)

Studiendesign und Methode:

Retrospektive Analyse von Spitaleinweisungen. Die Daten wurden aus der Hospital Episode Statistik (HES) extrahiert, in der routinemässig Daten zu allen Patienten enthalten sind, die vom National Health Service (NHS) Gesundheitsdienstleistungen erhalten. Daten wurden ab 5 Jahren vor Einführung der Gesetzgebung bis 15 Monate danach gesammelt. Es wurden nur die Daten zur Einweisungsepisode genommen, um die Myokardinfarkte, die vor der Hospitalisation geschahen zu erfassen. Ausserdem wurden erneute Einweisungen innerhalb von 28 Tagen ausgeschlossen, um nicht das gleiche Ereignis zweimal zu erfassen.

Studienort:

England

Outcome:

  • Outcome 1: Wöchentliche Anzahl Spitaleinweisungen nach Einführung der Rauchfrei-Gesetzgebung

Resultat:

  • Zwischen 2000 und 2008 zeigte sich eine deutliche Abnahme in der Anzahl notfallmässiger Spitaleinweisungen auf Grund von Myokardinfarkten. Diese Abnahme schien sich seit 2002 beschleunigt zu haben und war stärker in älteren gegenüber jüngeren Altersgruppen. Die jahreszeitlichen Schwankungen während des Beobachtungszeitraums entsprachen denen in anderen Gegenden. Eingewiesene Personen waren überwiegend Männer über 60 Jahre.
  • Nach Einführung der Rauchfrei-Gesetzgebung resultierte eine signifikante Abnahme der Notfalleinweisungen auf Grund von Myokardinfarkten von 2.4% (95%CI -4.06% bis -0.66%, nach Adjustierung für mögliche Confounder). Dies bedeutet, dass über einen Zeitraum von 12 Monaten ungefähr 1200 Notfalleinweisungen für Myokardinfarkt weniger stattfanden. Geht man davon aus, dass ein Myokardinfarkt mehrere Einweisungen nach sich ziehen kann, wären dies bis zu 1600 Einweisungen weniger.
  • In der Subgruppenanalyse zeigte sich, dass die Einführung der Gesetzgebung assoziiert war mit einer signifikanten Reduktion der Einweisungen bei Frauen und Männern über 60 Jahren (3.1% beziehungsweise 3.8%). Während auch bei den Männern unter 60 Jahren eine signifikante Reduktion gezeigt werden konnte, war dies nicht der Fall bei Frauen unter 60 (3.5% beziehungsweise 2.5%).    

Kommentar:

  • Die Autoren schliessen aus den Ergebnissen, dass die Krankenhauseinweisungen betreffend Myokardinfarkt nach Einführung der Rauchfrei-Gesetzgebung in England signifikant abnahmen.
  • Da bereits vor der Gesetzgebung viele öffentliche Gebäude und Arbeitsplätze rauchfrei waren, war die Reduktion vermutlich weniger drastisch, als in anderen Ländern. Die Autoren führen aber auch methodische Unterschiede (und damit eventuelle Überschätzungen in den anderen Studien) als Grund  für die unterschiedlichen Ergebnisse an.
  • Auf Grund der hohen Inzidenz von Myokardinfarkten, hat auch eine vergleichsweise kleine Reduktion wie in dieser Studie für England berechnet, eine Relevanz für die Public Health Ziele.
  • Besonders in den Jahren vor der Gesetzgebung nahm die Exposition gegenüber Passivrauch sowohl bei Erwachsenen wie bei Kindern stark ab. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die aktuelle Studie die Auswirkungen eher unterschätzt.
  • Die Ergebnisse waren ausserdem robust in verschiedenen Plausibilitätsanalysen.
  • Eine Schwäche der Studie ist, dass die zugrunde liegenden Daten keine Angaben zu dem Rauchstatus der Personen hatten. Somit kann nicht unterschieden werden, welcher Anteil des Rückganges auf Stopp des Passivrauchens und welcher auf Stopp des Aktivrauchens zurückgeführt werden kann.

Literatur:

  • Sims M et al. : Short term impact of smoke-free legislation in England: retrospective analysis of hospital admissions for myocardial infarction. BMJ2010;340:c2161doi:10.1136/bmj.c2161.