Springe zum Inhalt: Artikel

Paracetamol nicht besser als Placebo für die Behandlung von Rückenschmerzen

Verfasser: Nathalie Scherz,

Frage:

Ist eine Reservetherapie oder eine fixe Therapie mit Paracetamol wirksam für die Behandlung von akuten Rückenschmerzen?

Hintergrund:

Rückenschmerzen sind eine der wichtigsten Ursachen von Behinderung weltweit. Die Richtlinien empfehlen Paracetamol als erste Therapie der Wahl. Dies vor allem wegen seinem günstigen Nebenwirkungsprofil. Es gibt bisher jedoch wenige Studien, jeweils mit kleinen Patientengruppen, welche die Wirksamkeit beweisen. Zudem liessen Beobachtungsstudien kardiovaskuläre und gastrointestinale Nebenwirkungen von Paracetamol vermuten. Diese Studie überprüft ob die Reservetherapie oder eine fixe Therapie mit Paracetamol wirksamer als Placebo ist.

Einschlusskriterien:

  • Patienten mit Rückschmerzen zwischen der 12. Rippe und dem Gesäss mit oder ohne Beinschmerzen
  • Dauer weniger als 6 Wochen, mindestens 1 Monat Schmerzfreiheit vor der akuten Episode

Ausschlusskriterien:

  • Verdacht auf schwere Erkrankung der Wirbelsäule (Krebs, Infekt, Fraktur)
  • Bereits unter einer ausdosierten analgetischen Therapie
  • Chirurgie der Wirbelsäule in den letzten 6 Monaten
  • Schwangerschaft
  • Kontraindikation für Paracetamol

Studiendesign und Methode:

Randomisiert, doppel-verblindet

Studienort:

Sydney

Interventionen:

  • Alle Patienten bekamen evidenzbasierte Beratung (Bettruhe vermeiden, aktiv bleiben) und wurden über die gute Prognose aufgeklärt
  • Alle Patienten bekamen eine Schachtel mit fixen und Reserve-Tabletten. Die fixe Medikation betrug 2 Tabletten im 6-8 Stunden-Abstand. Die Reserve-Medikation bestand aus 1-2 Tabletten bei Bedarf, jede 4-6 Stunden, max 8 Stück pro Tag
  • Bei der ersten Gruppe waren die Tabletten ausschliesslich Placebos
  • Bei der zweiten Gruppe enthielten die fixen Tabletten 665mg Paracetamol in retardierter Form und die Reserve-Tabletten Placebo
  • Bei der dritten Gruppe waren die fixen Tabletten Placebos, die Reserve-Tabletten enthielten 500mg Paracetamol

Outcome:

Primärer Outcome

  • Zeit bis Erholung, definiert als mindestens 7 Tage Schmerzfreiheit

Sekundäre Outcomes

  • Schmerzintensität
  • Arbeitsunfähigkeit
  • Schlaf- und Lebensqualität
  • Zufriedenheit
  • Patientenverblindung, Compliance

Resultat:

  • 553 Patienten wurden in der Placebo-Gruppe, 550 in der fixen Medikationsgruppe und 549 in der Reservetherapie Gruppe eingeschlossen. Insgesamt waren 38 Patienten nicht mehr erreichbar und 8 sind aus der Studie ausgetreten, dies gleichmässig zwischen den Gruppen verteilt.
  • Das Durchschnittsalter war 45 Jahre, 52% der Patienten waren Männer. Die Patienten hatten im Durchschnitt bereits 6-7 ähnliche Rückenschmerz-Episoden gehabt. Die durchschnittliche Schmerzintensität bei Einschluss war 6.3/10 und die Schmerzdauer 9.9 Tage.
  • Die Compliance war ähnlich in den 3 Gruppen. Für die fixe Therapie: äquivalent zu einer medianen Dosis von 3500mg Paracetamol als fixe Medikation in der 1. Woche, 2800mg in der 2. Woche. Für die Reservetherapie, äquivalent zu einer medianen Dosis von 1000mg Paracetamol in der ersten Woche und null mg ab der 2. Woche.
  • Der Median der Erholungszeit war 17 Tage in der fixen Medikationsgruppe, 17 in der Reservetherapie Gruppe und 16 in der Placebo-Gruppe.
  • Insgesamt waren 74% der Patienten mit der Behandlung zufrieden
  • Die Rescue-Medikation (Naproxen) wurde selten gebraucht: bei 2 Patienten in der fixen Medikationsgruppe, 4 in der Reservetherapie Gruppe und 6 in der Placebo-Gruppe
  • Alle sekundären Outcomes waren zwischen den 3 Gruppen nicht unterschiedlich
  • Die Nebenwirkungen waren in den 3 Gruppen gleich verteilt

Kommentar:

  • Eine verschriebene Reservetherapie oder fixe Therapie mit Paracetamol ist nicht besser als Placebo.
  • Die Erholung war in dieser Studie war relativ rasch, was auf die standardisierte Beratung zurückgeführt werden könnte.
  • Die Patienten in der Studie hatten keine chronischen Schmerzen aber im Durchschnitt schon 6 Episoden gehabt. Die Daten scheinen für rezidivierende Beschwerden zu gelten.
  • Im Moment zeigen keine Daten einen Vorteil von NSAR im Vergleich zu Paracetamol bezüglich der Schmerzlinderung für Rückenschmerzen, so dass eine radikale Änderung der Praxis wahrscheinlich nicht zu empfehlen ist.

Literatur:

Williams CM et al. Efficacy of paracetamol for acute low-back pain: a double-blind, randomised controlled trial. Lancet. EPub 2014. DOI: 10.1016/S0140-6736(14)60805-9