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Sauerstoff hat bei nicht-hypoxämischen Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt keinen positiven Effekt auf die Sterblichkeit

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Wirksamkeit von zusätzlicher Sauerstoffgabe bei nicht-hypoxämischen Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt?

Hintergrund:

Seit Jahrzehnten wird Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt Sauerstoff verabreicht. Die Überlegung dahinter ist die Sauerstoffkonzentration im Herzmuskel zu erhöhen und damit die Infarktgrösse verkleinern zu können. Die Basis für diese Überlegung sind Daten aus Laborstudien. Sauerstoffwerte im Blut über der Norm können koronare Vasokonstriktionen auslösen und den Schaden am Herzmuskel steigern. Ein Hinweis darauf ist das Ergebnis einer in Australien durchgeführten Studie. In dieser Studie erhielten Patienten (ohne Hypoxämie) mit einem ST-Hebungsinfarkt (STEMI) Sauerstoff oder normale Atemluft. Die Infarktgrösse war bei den mit Sauerstoff behandelten Patienten grösser als bei denen, die normale Umgebungsluft einatmeten.

Das Ziel dieser Studie ist die Untersuchung des Effekts von Sauerstoff bei nicht-hypoxämischen Patienten mit Verdacht auf einen Myokardinfarkt

Einschlusskriterien:

  • Älter als 30 Jahre mit Symptomen eines Myokardinfarktes (Thoraxschmerzen oder Atemnot) von weniger als 6 Stunden Dauer
  • Sauerstoffsättigung über 90% (Pulsoxymetrie)
  • Im EKG Zeichen einer Ischämie oder erhöhte Werte für Troponin
  • Patienten, die weniger als 20 Minuten Sauerstoff erhielten, und nach 10 Minuten Atmen von Umgebungsluft eine Sauerstoffsättigung von mehr als 90% hatten

Ausschlusskriterien:

  • Patienten, die kontinuierlich Sauerstoff erhielten
  • Patienten mit Herzstillstand

Studiendesign und Methode:

Randomisierte Studie; Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt hatten wurden von den Rettungssanitätern, den Notfallstationen, Koronareinheiten, Katheterlabors rekrutiert.

Studienort:

Schweden

Interventionen:

  • Gruppe 1: 6 Liter Sauerstoff/Minute für 6 bis 12 Stunden über eine offene Gesichtsmaske
  • Gruppe 2: normale Umgebungsluft

Outcome:

Primärer Outcome

  • Tod (alle Ursachen) im Jahr nach der Randomisierung

Sekundäre Outcomes

  • Tod (alle Ursachen) innert einem Monat
  • Rehospitalisationen wegen Myokardinfarkt

Resultat:

  • 6’243 Patienten in 35 Spitälern in Schweden wurden in die Studie eingeschlossen.
  • Das mittlere Alter lag bei 68 Jahren, gut zwei Drittel waren Männer.
  • Bei drei Viertel der Patienten wurde ein Myokardinfarkt bestätigt; 6% hatten Angina pectoris, der Rest andere kardiale oder pulmonale (Lungenembolie) Erkrankungen.
  • Die mittlere Dauer der Sauerstoffgabe betrug fast 12 Stunden
  • Die Sterblichkeitsrate nach einem Jahr war 5% in der Gruppe mit Sauerstoff und 5.1% in der Gruppe, die Umgebungsluft einatmete.
  • Die Rehospitalisationsraten wegen Myokardinfarkt waren nach einem Jahr 3.8% in der Sauerstoffgruppe und 3.3% in der mit normaler Umgebungsluft.
  • Nach dreissig Tagen waren keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen feststellbar.

Kommentar:

  • Bei Patienten ohne Hypoxämie (O2-Sättigung über 90%) mit Verdacht auf einen Herzinfarkt verändert die Gabe von Sauerstoff – im Vergleich zu normaler Umgebungsluft – die Sterblichkeitsrate nach einem Monat und einem Jahr nicht.

Literatur:

Hofmann R et al. Oxygen therapy in suspected acute myocardial infarction. N Engl J Med 2017.DOI:10.1056/NEJMoa1706222.