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Signifikanter Nutzen spinaler Manipulationstherapien bei lumbalen Rückenschmerzen

Verfasser: Leander Muheim,

Frage:

Wie sind Wirkung und Nebenwirkungen der spinalen Manipulationstherapie im Vergleich zu anderen Therapieformen?

Hintergrund:

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen überhaupt, weshalb Patienten einen Arzt aufsuchen. Die Lebenszeitprävalenz eines lumbovertebralen Schmerzsyndroms wird auf >50% geschätzt. Beim akuten Rückenschmerz hat sich keine Therapiemodalität einer anderen als überlegen etabliert. Gemeinhin kommen Analgetika, Muskelrelaxanzien, physiotherapeutische Massnahmen, Hitze und die spinale Manipulationstherapie zur Anwendung. Zur Wirksamkeit der spinalen Manipulationstherapie wurde eine Reihe systematischer Reviews veröffentlicht, die Ergebnisse waren jedoch widersprüchlich und reichten von statistisch signifikantem bis zu fehlendem Nutzen. Die hier vorgestellte systematische Übersichtsarbeit über Wirksamkeit und Nebenwirkungen der spinalen Manipulationstherapie wurde angesichts dieser unklaren Evidenzlage und den fortlaufend neu zu diesem Thema publizierten Studien durchgeführt.

Einschlusskriterien:

  • Volljährige Patienten mit akuten lumbalen Rückenschmerzen (< 6 Wochen)
  • Durchführung einer spinalen Manipulationstherapie durch eine Medizinalperson (Chiropraktische Behandlungen, Osteopathen und Physiotherapeuten inklusive)
  • Randomisierte Studien für Evaluation der Wirksamkeit, randomisierte Studien und Beobachtungsstudien für Nebenwirkungen

Ausschlusskriterien:

  • Studien welche nur die Subgruppe von Patienten mit Ischialgien untersuchten
  • Nicht spezifizierte Dauer der Rückenschmerzen oder chronische Rückenschmerzen ohne Stratifizierung der Dauer
  • Studien an stationären Patienten

Studiendesign und Methode:

Systematischer Review

Datenquellen:

MEDLINE, Cochrane Database of Systematic Reviews, EMBASE und
Current Nursing and Allied Health Literature vom 1. Januar 2011 bis zum 6. Februar 2017

Interventionen:

  • Systematische Datensuche nach den entsprechenden regulatorischen Vorgaben für systematische Übersichtsarbeiten
  • Kategorisierung der spinalen Manipulationstherapien in Schub-basierte Techniken (hohe Geschwindigkeit, tiefe Amplitude) und Techniken ohne Schub (d. h. selbstdeklarierte spinale Manipulationstherapie ohne Erfüllung der Kriterien für Schub-basierte Techniken)

Outcome:

Primärer Outcome

  • Schmerz und funktioneller Status innerhalb 2 Wochen (immediate-term)
  • Schmerz und funktioneller Status nach 3-6 Wochen (short-term)
  • Nebenwirkungen
  • Lebensqualität

Sekundäre Outcomes

  • Opiatgebrauch, Forderung von Invalidenleistungen, Rückkehr zum Arbeitsplatz, Beanspruchung von Gesundheitsleistungen

Resultat:

  • Schmerz nach 3-6 Wochen in randomisierten Studien (N = 1421): Mittlere Differenz –9.95 mm (95% CI, –15.63 bis –4.27) auf einer standardisierten Skala von 0-100 mm.
  • Schmerz innerhalb 2 Wochen: Mittlere Differenz −9.76 mm (95% CI, −17.0 bis −2.5)
  • Funktioneller Status nach 3-6 Wochen: Effektstärke −0.39 (95% CI, −0.71 bis −0.07) zu Gunsten der spinalen Manipulationstherapie
  • Funktioneller Status nach 3-6 Wochen: Effektstärke −0.24 (95% CI, −0.55 bis 0.08) zu Gunsten der spinalen Manipulationstherapie
  • 5 von 26 randomisierten Studien untersuchten spezifische Nebenwirkungen, es gab keine statistisch signifikanten Unterschiede in den Interventions- und Nicht-Interventionsgruppen bis auf den Umstand, dass die spinale Manipulationstherapie selbst schmerzhafter war
  • 8 Studien untersuchten Nebenwirkungen prospektiv: Milde, transiente Symptome wurden in 50-67% berichtet und umfassten überwiegend lokale Missempfindungen und vermehrte Schmerzen
  • Keine signifikanten Unterschiede zwischen Schub- und nicht-Schub-basierten Behandlungen in der Gesamtanalyse. In 3 der 4 Vergleiche der ersten beiden primären Outcomes war der Effekt von Schub-basierten Methoden etwa doppelt so gross.
  • Daten zu Lebensqualität und sekundären Outcomes lagen nur spärlich vor und wurden deshalb nicht in der Originalarbeit veröffentlicht

Kommentar:

  • Spinale Manipulationstherapie bei akuten lumbalen Rückenschmerzen war in dieser Übersichtsarbeit mit einer statistisch signifikanten Verbesserung von Schmerz und Funktion für bis zu 6 Wochen assoziiert.
  • Das Ausmass des Effekts war bezüglich Schmerzen und Funktion moderat und ist bei ersterem im Schnitt mit demjenigen von NSAR vergleichbar.
  • Diese aktualisierte Übersichtsarbeit hebt sich von früheren Arbeiten durch höhere analytische Präzision und eine grössere Anzahl an untersuchten randomisierten Studien ab.
  • Die eingeschlossenen Studien waren sehr heterogen und die Studienqualität meist tief, wodurch konkrete Manipulationstechniken schwer einzuordnen sind. Umgekehrt zeigten diejenigen Studien mit hoher Qualität einen grösseren Nutzen bei spinaler Manipulationstherapie.

Literatur:

Paige NM et al., Association of Spinal Manipulative Therapy With Clinical Benefit and Harm for Acute Low Back Pain: Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 317(14), 1451-1460. Doi:10.1001/jama.2017.3086