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Suizide nach Spitalaufenthalt wegen einer Selbstverletzung oder Intoxikation – eine Follow Up-Studie über 16 Jahre

Verfasser: René Bridler,

Frage:

Wie verhält sich das Suizidrisiko im langzeitlichen Verlauf bei Personen, die wegen einer Selbstschädigung (Verletzung, Intoxikation) auf einer Notfallstation behandelt wurden? Welche Rolle spielen dabei die Art der Selbstschädigung, das Geschlecht, das Alter und sozioökonomische Faktoren?

Hintergrund:

Notfallstationen sind regelmässig mit Verletzungen und Intoxikationen konfrontiert, die sich die betroffenen Personen selbst zugefügt haben. Es handelt sich um ein breites Spektrum von Schädigungen, das von wiederholtem Ritzen, Brennen über Intoxikationen bis hin zu schweren Suizidversuchen durch Erhängen, Erschiessen, Sturz aus Höhe oder vor ein Fahrzeug reicht. Als Kollektiv hat diese Population im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung ein stark erhöhtes Suizidrisiko. Allerdings verletzen sich vor allem jüngere Menschen auch, um unerträgliche Emotionen durch einen körperlichen Schmerz vorübergehend zu lindern.

Einschlusskriterien:

  • Präsentation auf einer Notfallstation wegen einer Selbstschädigung
  • Alter ≥ 15

Ausschlusskriterien:

  • Fehlende Angaben zu Geschlecht, Alter oder Mortalität

Studiendesign:

  • Prospektive Kohortenstudie
  • Daten zur Mortalität und Todesursachen aus Mortalitätsregister (UK Office for National Statistics, NHS Digital)

Studiendauer:

  • Einschluss in die Kohorte Januar 2000 bis Dezember 2013 (14 Jahre)
  • Follow-Up der Mortalität bis Dezember 2015 (16 Jahre)

Studienort:

Notfallstationen in fünf Spitälern in Oxford, Manchester und Derby (England)

Outcome:

  • Suizide nach Kontakt auf der Notfallstation wegen Selbstschädigung
  • Zeitlicher Verlauf der Suizide ab der ersten Präsentation auf der Notfallstation

Resultate:

  • Die analysierte Kohorte bestand aus 49‘783 Personen und beanspruchte im Laufe von 14 Jahren insgesamt 90‘614 Behandlungen (Range 1-239, 73,6 % mit nur einer Präsentation).
  • Zuvor waren 1‘325 Personen (1‘563 Präsentationen) wegen fehlender Daten ausgeschlossen worden.
  • Die Selbstschädigungen bei der Index-Präsentation verteilten sich wie folgt: Intoxikation 75,2 %, Selbstverletzung 20,4 %, Kombination Intoxikation plus Selbstverletzung 4,4 %.
  • Im Laufe von 16 Jahren suizidierten sich 703 Personen (1,4 %), 456 (64,9 %) Suizide erfolgten mittels Selbstverletzung, die übrigen durch Intoxikation mit psychotropen Substanzen, Sedativa, Hypnotika, Analgetika u.a.m.
  • Knapp zwei Drittel (63,2 %) der 456 Selbstverletzungs-Suizide geschahen durch Erhängen/Ersticken, alle anderen Methoden – Sprung aus Höhe, Ertrinken, Selbstunfälle im Strassenverkehr, Stechen/Schneiden, Erschiessen, Hitze/Feuer u.a.m. – lagen im einstelligen Prozentbereich.
  • Selbstverletzungen und kombinierte Selbstschädigungen (Verletzung plus Intoxikation) gingen mit einem signifikant höheren Suizidrisiko einher als Intoxikationen allein (OR 1,36, p<0,007 bzw. OR 2,06, p<0,0001).
  • 35,9 % aller Suizide ereigneten sich im ersten Jahr nach der Index-Präsentation im Spital, davon wiederum ein knappes Drittel im ersten Monat (29,3 %); das Suizidrisiko blieb im Vergleich mit der Durchschnittsbevölkerung über den gesamten Beobachtungszeitraum deutlich erhöht.
  • Im Vergleich mit Intoxikationen erhöhten sog. „harte“ Methoden der Selbstschädigung das Risiko des späteren Suizids, das höchste Risiko zeigten Verletzungen mit Schusswaffen, Erhängen/Ersticken und Selbstunfälle im Strassenverkehr.
  • Das Suizidrisiko war bei Männern dreimal höher als bei Frauen (OR 3,36, p<0,0001), mit zunehmendem Alter stieg es bei beiden Geschlechtern kontinuierlich an (3 % pro Jahr).
  • Personen aus sozioökonomisch besser gestellten Bezirken suizidierten sich häufiger als Menschen aus ärmeren Regionen (OR 1,76, p<0,0001).

Kommentar / Schlussfolgerungen:

  • Die Studie konsolidiert bisherige Erkenntnisse aus der Suizidforschung und fügt Neues hinzu.
  • Sie bestätigte insb. die hohe Suizidgefahr im ersten Monat und im ersten Jahr nach der Selbstschädigung sowie bei harten Methoden wie Erhängen, Schusswaffengebrauch, Sprung aus Höhe oder vor ein Fahrzeug u.a.m.
  • Neu ist die Erkenntnis, dass gemischte Selbstschädigungen (Intoxikation plus Selbstverletzung) und Selbstunfälle im Strassenverkehr mit einem höheren Suizidrisiko einhergehen als Intoxikationen.
  • Eine wichtige methodisch bedingte Limitation der Studie ist die fehlende Berücksichtigung des Motivs für die Selbstschädigung. Im klinischen Alltag ist es wichtig zu verstehen, weshalb und wozu sich ein Mensch selbst verletzt oder intoxikiert hat.
  • Die meisten Suizide in der Studie erfolgten durch Erhängen. In der Schweiz erhängen sich jährlich etwa gleich viele Frauen und Männer (ca. 30 % aller Suizide). Schusswaffen spielten überraschenderweise in der Studie kaum eine Rolle, während sie in der Schweiz bei Männern die zweithäufigste Suizidmethode (ca. 27 %) sind.
  • Der Zusammenhang mit sozioökonomischen Faktoren ist komplex, die Forschungsresultate sind uneinheitlich. Bekannt ist bspw., dass ein sozioökonomischer Statusverlust das Suizidrisiko erhöht.
  • Die Suizidforschung zeigt, dass ca. jede zehnte Person nach einem Suizidversuch irgendwann im Leben Suizid begeht. Die Rate von 1,4 % in der aktuellen Studie legt nahe, dass die allermeisten Index-Ereignisse keine Suizidversuche waren.
  • Im Alltag auf einer Notfallstation sollten diejenigen Personen identifiziert werden, die einen Suizidversuch verübt haben, da es sich dabei um eine viel stärker suizidgefährdete Gruppe handelt. Ihr sollte eine spezifisch wirksame antisuizidale Kurztherapie angeboten werden, wie sie bspw. mit ASSIP (Attempted Suicide Short Intervention Program) auch in der Schweiz zur Verfügung steht.

Literatur:

Suicide following presentation to hospital for non-fatal self-harm in the Multicentre Study of Self-harm: a long-term follow-up study. Lancet Psychiatry, online November 6, 2019, doi.org/10.1016/S2215-0366(19)30402-X.