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Telemedizin, eine vielversprechende Methode zur Behandlung chronischer Schmerzpatienten

Verfasser: Johann Steurer ,

Frage:

Wirksamkeit einer telemedizinischen Behandlung, verglichen mit gewöhnlicher Behandlung, von Patienten mit chronischen muskuloskeletalen Schmerzen?

Hintergrund:

Chronische muskuloskeletale Schmerzen, in erster Linie lumbale Rückenschmerzen, sind der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit und eingeschränkte Lebensqualität. Die Wirksamkeit von Analgetika bei chronischen  Schmerzen ist oft bescheiden und nicht zufriedenstellend. Die Verschreibung von Opiaten nimmt zu obwohl deren Nutzen bei chronischen Schmerzen, verglichen mit dem potentiellen Schaden, zunehmend in Frage gestellt wird. Die Betreuung dieser Patienten, insbesondere die Verbesserung der Betreuung, wurde bisher noch kaum untersucht und vor allem nicht die neuen telemedizinischen Strategien. In dieser Studie wird die Wirksamkeit einer telefon-basierten, strukturierten Beratung der Patienten mit chronischen muskuloskeletalen Schmerzen untersucht.

Einschlusskriterien:

  • 18 bis 65 Jahre mit lokalisierten oder generalisierten muskuloskeletalen Schmerzen
  • moderate bis starke Schmerzen, mehr als 5 Punkte gemessen mit dem BPI (Brief Pain Inventory; der Score kann die Werte zwischen 0 und 10 haben).
  • Schmerzdauer mehr als 3 Monate trotz Therapie mit einem Analgetikum

Ausschlusskriterien:

  • Psychische Erkrankungen
  • In Abklärung wegen Rentenanspruch

Studiendesign und Methode:

Randomisierte Studie; BPI ist ein validiertes Instrument, das die Intensität der Schmerzen und deren Konsequenzen für das Leben erfasst. Die Werte liegen zwischen 0 und 10, höhere Scores bedeuten mehr Schmerzen. Eine Verbesserung um einen Punkt wird von den Patienten als merkbare Verbesserung wahrgenommen.

Studienort:

Fünf Grundversorger-Institutionen in USA; Patienten wurden aus den Krankenakten identifiziert und angeschrieben und gefragt ob sie an der Studie mitmachen.

Interventionen:

  • Interventionsgruppe: Patienten in der Interventionsgruppe meldeten in regelmässigen Abständen entweder über Telefon oder Internet die Stärke der Beschwerden (nach einem detailliert festgelegten Algorithmus); die Verschreibung der Analgetika geschah ebenfalls nach einem vor der Studie ausgearbeiteten Algorithmus.
  • Kontrollgruppe: diese Patienten wurden nach „ususal care“ behandelt.

Outcome:

Primärer Outcome

  • Unterschied im BPI zwischen den beiden Gruppen nach 12 Monaten

Sekundäre Outcomes

  • Unterschiedliche Ansprechraten auf die Therapie zwischen den Gruppen (die individuelle Ansprechrate wurde als Verbesserung im BPI von 30% definiert).
  • Verschiedene Parameter zur Messung der Lebensqualität und den Folgen der Schmerzen für das tägliche Leben.

Resultat:

  • 250 Patienten wurden eingeschlossen, 124 in die Interventionsgruppe und 126 in die Kontrollgruppe
  • das mittlere Alter betrug 55 Jahre, über 80% Männer (die Studie fand allerdings in einem Veterans Administration Setting statt), mehr als die Hälfte der Teilnehmer hatten die Schmerzen mehr als 10 Jahre.
  • Nach 12 Monaten waren die Beschwerden in der Interventionsgruppe um mehr als einen Punkt besser wie in der Kontrollgruppe und dies entspricht einem klinisch relevanten Effekt.
  • Die Zahl an Patienten mit einer relevanten Besserung (mehr als 30% im BPI) war in der Interventionsgruppe doppelt so hoch (52% versus 27%) wie in der Kontrollgruppe.  
  • Die Anzahl Patienten, die über eine Verschlechterung der Schmerzen berichteten war in der Interventionsgruppe nur halb so hoch wie in der Kontrollgruppe (19% versus 36%).
  • Der Verbrauch an Analgetika war in der Interventionsgruppe höher wie in der Kontrollgruppe; bei den Opioidverschreibungen gab es keinen Unterschied.
  • Die Zufriedenheit der Patienten mit der Beratung war sehr hoch.
  • Der Aufwand an Zeit für einen Patienten während 12 Monaten; 3 bis 4 Stunden für eine Person aus dem Pflegebereich und eine Stunde für die ärztliche Person.

Kommentar:

  • Eine strukturierte telemedizinische Beratung und Behandlung von Patienten mit chronischen muskuloskeletalen Schmerzen erhöht den Anteil an Patienten mit einer klinisch relevanten Besserung der Schmerzen.
  • Eine nicht sehr aufwändige Intervention mit einem sehr positiven Ergebnis; die Implementierung solcher Methoden hierzulande wird wahrscheinlich Jahre dauern.

Literatur:

Kroenke K et al. Telecare collaborative management of chronic pain in primary care. A randomized clinical trial. JAMA 2014;312:240-248