Springe zum Inhalt: Artikel

Testosteron stärkt die Muskeln auch bei älteren Männern – ein wenig

Verfasser: Leander Muheim,

Frage:

Steigert eine Testosteron-Substitution bei älteren Männern die Muskelkraft und die körperliche Leistungsfähigkeit?

Hintergrund:

Der Testosteron-Spiegel sinkt mit dem Alter. Die anabolen Effekte durch Einnahme von Testosteronpräparaten haben ein enormes Interesse hinsichtlich einer Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Reduktion von Pflegebedürftigkeit im höheren Alter hervorgerufen. Die Auswirkungen einer Testosteron-Substitution auf die funktionelle und muskelspezifische Leistungsfähigkeit bei älteren Männern wurde bisher nur ungenügend erforscht und bisherige Studien konnten trotz erheblich gesteigerter Muskelmasse keine gesteigerte Leistungsfähigkeit nachweisen.

Einschlusskriterien:

  • Männer ≥60 Jahre, nicht-hospitalisiert
  • Totales Serum-Testosteron tief oder tief-normal (3.5–13.9 nmol/L)

Ausschlusskriterien:

  • Kein Krafttraining vor und während der 36 Studienmonate

Studiendesign und Methode:

Randomisierte, Placebo-kontrollierte und doppelt-verblindete Studie

Studienort:

3 medizinische Zentren in den Vereinigten Staaten

Interventionen:

  • Gruppe 1: Testosteron-Gel 1%, dermal appliziert (75 mg Testosteron täglich)
  • Gruppe 2: Placebo-Gel

Zwei Wochen nach Randomisierung wurde die Dosis anhand der Testosteron-Konzentration im Serum auf 50 mg gesenkt (falls >31.2 nmol/L) bzw. auf 100 mg gesteigert (falls <17.3 nmol/L).

Outcomes

(zu Beginn und nach 6, 18 und 36 Monaten):

  • Muskelkraft; anhand Brust- und Beinpresse (Maximales Gewicht welches nach einer Aufwärmphase einmal ganz angehoben werden kann)
  • Muskelleistung; elektronische Messung der Kraft und der Geschwindigkeit anhand wiederholter Serien à je 5 Repetitionen an Brust- und Beinpresse
  • Muskelermüdbarkeit; maximal mögliche Anzahl an Wiederholungen an Brust- und Beinpresse in fixer Kadenz von je 4 Sekunden
  • Treppenlauf-Leistung; Berechnung der Watt-Leistung anhand einer standardisierten 12-Stufen-Höhe, der Zeit und des Körpergewichts
  • Erschwerte Treppenlauf-Leistung; analog zur Vormessung aber mit zusätzlichem Tragen von Taschen welche 20% des Körpergewichts wogen

Resultat:

  • 256 Männer hatten mindestens eine Nachkontrolle; 135 wurden dem Testostern-Arm, 121 dem Placebo-Arm zugewiesen.
  • Das Durchschnittalter betrug 67 Jahre, der mittlere BMI war 30 kg/m2.
  • Die Ausgangs-Charakteristika der beiden Gruppen waren vergleichbar.
  • In der Interventionsgruppe stieg der Testosteron-Spiegel im Schnitt von 10.6 nmol/L auf 19.7 nmol/L. In der Placebo-Gruppe blieben die Spiegel unverändert.
  • Die Muskelkraft in der Brustpressen-Übung war in der Testosteron-Gruppe signifikant höher (geschätzte mittlere Differenz: 16.3% (CI 95%; 5.5-27.1%)) und signifikant mit dem Testosteron-Spiegel und der Magermasse (Körpergewicht ohne Fettanteil) assoziiert.
  • Bezüglich der Muskelkraft in der Beinpressen-Übung gab es zwischen den zwei Gruppen keinen signifikanten Unterschied. Es bestand eine signifikante Assoziation mit dem Testosteron-Spiegel, jedoch keine Assoziation mit dem Magergewicht.
  • Die Muskelleistung war sowohl in der Brust- wie auch in der Beinpressen-Übung signifikant höher in der Testosteron-Gruppe und jeweils mit der Höhe des Testosteron-Spiegels assoziiert; Geschätzte mittlere Differenz für Brustpresse 22.5 Watt (CI 95%; 7.5-37.5), für Beinpresse 83.8 Watt (CI 95%; 35.4-132.2).
  • Die Muskelermüdbarkeit war in beiden Gruppen gleich, es gab keine Assoziation mit dem Testosteron-Spiegel.
  • Die Leistung im Treppenlauf (mit und ohne Erschwerung) war in der Testosteron-Gruppe signifikant höher, als in der Placebo-Gruppe. Die geschätzte mittlere Gruppendifferenz betrug 10.7 Watt (CI 95%; -4.0-25.5) ohne und 22.4 Watt (CI 95%; 4.6-40.3) mit Erschwerung. In beiden Fällen bestand keine Assoziation zum Testosteron-Spiegel.
  • Das Magergewicht war in der Testosteron-Gruppe nach 3 Jahren signifikant höher; 0.9 kg (CI 95%; 0.5-1.4 kg).

Kommentar:

  • Obwohl eine Testosteron-Supplementation über 3 Jahre (teils) einen Anstieg der Muskelkraft, der Muskelleistung, der funktionellen Leistung sowie des Magergewichts zur Folge hatte, bleibt die klinische Relevanz dieser Resultate unklar.
  • Die Parameter der funktionellen und muskelspezifischen Leistungsfähigkeit stiegen unter Testosteron nur geringfügig an. Ob auch prognostisch relevante Outcome-Parameter bei Patienten mit Einschränkungen verbessert werden könnten, wurde nicht untersucht und ist fraglich.
  • Die hier untersuchten Männer waren relativ gesund. Möglicherweise würde bei kränkeren Männern, wo eine Testosteron-Supplementation aus medizinischer Sicht interessanter wäre, ein anderer (oder noch kleinerer) Effekt resultieren.
  • Der zentrale Aspekt der Sicherheit einer Testosteron-Supplementation wurde nicht untersucht
  • Für den fehlenden Unterschied in der Muskelkraft anhand der Beinpressen-Übung war die hier untersuchte Testosteron-Dosis – in Analogie zu anderen Studien – offenbar zu tief. Auch für die Erhebung der Muskelermüdbarkeit war die hier benutzte Messmethode möglicherweise inadäquat oder zu wenig sensitiv

Literatur:

Storer TW et al. Effects of Testosterone Supplementation for 3 Years on Muscle Performance and Physical Function in Older Men. J Clin Endocrinol Metab 2016; jc20162771.