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Unkomplizierter Harnwegsinfekt bei Frauen: Antibiotika sind nicht-steroidalen Analgetika überlegen

Verfasser: Johann Steurer,

Frage:

Wirksamkeit – Einfluss auf die Beschwerden und die Häufigkeit von Pyeolnephritiden – von Norfloxacin im Vergleich zu Diclofenac bei Frauen mit einem unkomplizierten Harnwegsinfekt?

Hintergrund:

Antibiotika sollten wegen Resistenzentwicklung, Nebenwirkungen und Kosten restriktiv verschrieben werden. Da akute Harnwegsinfekte bei Frauen der zweithäufigste Grund für Antibiotikaverschreibungen sind stellte sich die Frage ob akute unkomplizierte Harnwegsinfekte auch mit nicht-steroidalen Analgetika erfolgreich behandelt werden können. Die Autoren einer kleinen Studie kamen zum Schluss, dass nicht-steroidale Analgetika einer antibiotischen Therapie nicht unterlegen sind, empfahlen aber dieses Ergebnis in grösseren Studien zu überprüfen. Die Autoren dieser Studie folgten dieser Empfehlung.

Einschlusskriterien:

  • 18 bis 70-jährige Frauen, die wegen einem oder mehreren Symptomen eines Infektes der unteren Harnwege (HWI) eine Allgemeinpraxis im Raum Bern aufsuchten, oder
  • Selbstdiagnose eines HWI mit einem positiven Streifentestergebnis für Nitrit oder Leukozyten oder beidem

Ausschlusskriterien:

  • Patienten mit Zeichen eines Infektes der oberen Harnwege (Fieber, kosto-vertebrale Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen)
  • Anatomische oder funktionelle Anomalien der harnableitenden Organe
  • Diabetes mellitus, Immunsuppression, andere schwerere Erkrankungen

Studiendesign und Methode:

Randomisierte, verblindete Studie

Studienort:

17 Allgemeinpraxen in der deutschsprachigen Schweiz

Interventionen:

  • Gruppe 1: Diclofenac retard 75 mg zweimal täglich für drei Tage
  • Gruppe 2: Norfloxacin 400 mg zweimal täglich für drei Tage
  • Alle Teilnehmer an der Studie erhielten eine Packung mit 3g Fosfomycin, welches die Teilnehmerinnen einnehmen konnten, wenn die Beschwerden persistierten.

Outcome:

Primärer Outcome

  • Ausgeprägte Reduktion der Symptome nach drei Tagen (mit einem Fragebogen erfasst; Auflösung heisst nicht, dass die Patienten vollkommen beschwerdefrei waren, sondern immer noch leichte Beschwerden haben konnten)

Sekundäre Outcomes

  • Gebrauch von Antibiotika bis zum dreissigsten Tag nach Randomisierung
  • Auflösung der Symptome nach 7 Tagen
  • Zeit bis zum Verschwinden der Beschwerden
  • Nebenwirkungen und Lebensqualität

Resultat:

  • Zwischen Februar 2012 und Dezember 2014 wurden 253 Frauen in die Studie eingeschlossen, 133 Frauen wurden in die Diclofenac- und 120 in die Norfloxacingruppe randomisiert.
  • Das mittlere Alter betrug 36 Jahre, die Dauer der Beschwerden bei Einschluss in die Studie lag bei gut drei Tagen; der Symptomscore war in beiden Gruppen vergleichbar hoch.
  • Eine ausgeprägte Reduktion der Symptome nach drei Tagen (nicht unbedingt vollkommene Beschwerdefreiheit) trat bei 54% in der Diclofenacgruppe und bei 80% in der Norfloxacingruppe ein; ein deutlicher und signifikanter Unterschied.
  • Fast zwei Drittel der Frauen (62%) in der Diclofenacgruppe nahmen innert der ersten 30 Tage nach Randomisierung ein Antibiotikum (meist Fosfomycin) und der grösste Teil (70%) nahm das Antibiotikum bereits in den ersten drei Tagen nach der Randomisierung.
  • Die Beschwerden klangen in der mit dem Antibiotikum behandelten Gruppe deutlich schneller ab als in der anderen Gruppe.
  • In der mit Diclofenac behandelten Gruppe entwickelte sich bei 6 Frauen (5%) eine akute Pyelonephritis in der mit dem Antibiotikum behandelten Gruppe trat diese Komplikation bei keiner Frau ein.

Kommentar:

  • Es bleibt dabei! Bei Frauen mit einem akuten Infekt der unteren Harnwege sind Antibiotika wirksamer als ein Placebo oder nicht-steroidale Analgetika. Schon vor 40 Jahren brachte man uns im Studium bei, dass man Frauen mit einem akuten Harnwegsinfekt ein Antibiotikum verschreiben soll um die Beschwerden zu lindern und das Risiko einer akuten Pyelonephritis zu verringern.

Literatur:

Kronenberg A et al. Symptomatic treatment of uncomplicated lower urinary tract infections in the ambulatory setting: randomised, double blind trial. BMJ 2017; 359: j4784